Vor Jahren…
Für Cinlir Winthallan war es nicht zu begreifen. Sein Vater, seine Mutter und er hatten sich aufgemacht, um einen alten Bekannten seines Vaters zu besuchen. Seine beiden jüngeren Brüder hatte man, sehr zu Cinlirs eigener Überraschung und dem Unmut beider anderen Brüder, Zuhause zurückgelassen. Zweifelsfrei waren die beiden in guter Obhut bei den Bediensteten. Aber ihm wollte immernoch nicht in den Kopf, wofür das alles nötig sein sollte. Der Herzog hatte gesagt: „Du wirst es bald verstehen, Sohn.“ Aber irgendwie wurde Cinlir das Gefühl nicht los, dass ‚bald‘ in dieser Gleichung ein sehr dehnbarer Begriff war.
Auch jetzt als er hier stand war es nicht viel anders. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Eine große Geste für einen Knaben von zehn. An seiner Seite hing das Schwert, das sein Vater für ihn hatte anfertigen lassen. Zwar hatte er schon davor stets ein Schwert an seiner Seite gehabt, aber das war immer aus Holz gewesen. Der Herzog hatte darauf bestanden, dass er sich früh an dieses Gewicht gewöhnen solle. Das echte Schwert wog jedoch ganz anders als sein altes. Und er war zugegeben auf diese neue Waffe wesentlich stolzer als auf dieses Kinderspielzeug davor. Für ihn war klar, dass er längst kein Kind mehr war. Alle behandelten ihn nicht mehr so, weswegen er sich besondere Mühe gab gefälligst auch nicht zu wirken.
An sein Ohr drang die Stimme des Barones von Albennin, Cirandir Gaburg. „Ganz der Vater, Deldrir, ganz der Vater. Ahrienn muss sehr stolz darauf sein, dir einen solchen Sohn geschenkt zu haben. Elraen ging es damals nicht anders.“ Die Antwort von Herzog Winthallan hörte Cinlir bereits nicht mehr. Zu beschäftigt war er damit anzustarren, was sich da vor ihm auftat.
In einer Wiege lag vor ihm ein Bündel Stoffe aus dem nur ein drei Stellen irgendetwas hervorlugte. Es hatte einige Momente gekostet bis Cinlir erkannt hatte, dass es sich bei den kleinen Knubbeln wohl um sehr kleine Hände handeln musste. Und erst als das Zwergengesicht – nur ohne Bart eben – die großen Kulleraugen geöffnet hatte ging ihm auf, dass es sich bei diesem roten, runzligen Ding wohl um eben ein Gesicht handeln müsse.
Aha. Und dieses Häufchen Elend sollte er, Cinlir Winthallan, Sohn des Herzogs Deldrir Winthallan zu Ost Agar, heiraten?! Das konnte ja wohl kaum irgendjemandes Ernst sein. Die Valar gaben Kinder, egal was seine Hebamme ihm dazu sagte. Er wusste genau, dass er seiner Mutter viel zu schwer war um irgendwohin getragen zu werden, schon gar nicht in ihrem Bauch. Lächerliche Vorstellung. Und dieses kleine Etwas da würde ja wohl kaum mal so groß werden wie seine Mutter es nun war. Von Kinder kriegen ganz zu schweigen. Außerdem hatte Cinlir beschlossen, dass er sie nicht mochte. Dieser Entschluss war ihm besonders leicht gefallen, weil das kleine Wesen ihn nämlich sofort als er an die Wiege trat, in seinen Augen ziemlich dümmlich, angelächelt hatte. Sein Vater lächelte nie! Er würde ja wohl kaum von ihm erwarten, dass er ständig so ein kleines Ding neben sich liegen haben würde, dass ihn ständig völlig unvermittelt treudoof angrinste.
Zu allem Überfluss begann das, was angeblich das Mädchen Sybell – und damit seine zukünftige Frau! – darstellen sollte, jetzt auch noch leise aber munter vor sich hinzuglucksen! Cinlir schüttelte den Kopf. Er war sich ziemlich sicher, dass er sich sein Leben lang nie derart albern angestellt hatte. Die kleinen Augen blitzen ihn neugierig an. Er konnterte mit dem geballten Desinteresse, das ein starrender Zehnjähriger eben so aufbringen konnte.
Es schien zu funktionieren. Die Kleine wurde nur wenige Augenblicke später wieder völlig still. Cinlir war gerade dabei innerlich einen erneuten Sieg seines Hauses zu verbuchen, als ihm das Schimmern in den Augen des Säuglings auffiel. Sie gab keinen Ton von sich. Aber es war unverkennbar: Die Kleine weinte, völlig enttäuscht darüber keinen Spielgefährten in Cinlir gefunden zu haben, auch wenn ihm letzteres nicht im geringsten klar war.
Aus dem Augenwinkel warf der Junge einen Blick über die Schulter. Niemand sah zu ihm. Sehr gut. So leise wie es ihm möglich war löste er seine Arme aus der Verschränkung. Langsam, sehr langsam, streckte er Arm und Hand dem Stoffbündel entgegen… Eine Hand, die in ihrer Gesamtheit wesentlich kleiner war als sein Handteller, griff nach seinem kleinen Finger. Für ein so kleines Wesen gar nicht so unkräftig, dachte der Junge bei sich. Er war immernoch fest entschlossen sie nicht zu mögen. Aber über diese kleine Hand musste er doch ein wenig lächeln.
*tränchenverdrück* Der Beginn einer großen Liebe *kicher*
ein Häufchen Elend *grinst* aber irgendwie total niedlich
Das – muss ich jetzt mal sagen – ist ja mal endsüß 😀
Vor allem die Fortsetzung im Forum ist toll 😀