Schattenfeuer

Iyrawen
7. Juli 2008 • Kommentare: 6

Manche Leute scheinen das Unglück magisch anzuziehen. Kashin Daedeloth zum Beispiel. Es ist noch gar nicht so lange her, da lag er vor mir, blass und stumm, und das Blut rann aus seinen Adern. Damals wusste ich mir keinen anderen Rat mehr, und rief das Feuer. Doch mit jedem Mal, da ich es wecke, fühle ich, wie ein Stück meiner selbst schwindet und den Flammen zum Opfer fällt. Aber habe ich genau das nicht immer gewollt? „Du bist wie ich, meine Tochter!“ Noch immer sehe ich das Gesicht der Morgula vor mir, wahnverzerrt, von Feuer umtost, in jenen tiefschwarzen Nächten, in denen selbst die hellsten Flammen das Dunkel nicht durchdringen können. Doch wie so oft in letzter Zeit schiebe ich diese Gedanken rasch beiseite, konzentriere mich auf das, was sichtbar, hörbar, messbar ist, was sich mit kühlem Verstand entschlüsseln lässt. Ich versuche es zumindest. Das bin ich ihnen schuldig in meiner Rolle als Medica. Auch wenn das vielleicht nur eine Maske ist. Aber wenn, dann ist es eine, die mich am meisten schützt.

Kashin also. Vielleicht liegt es einfach an seinem Namen, dass er wieder und wieder als Patient vor mir landet, dem Reich der Toten näher als dem der Lebenden. Dor Daedeloth…das Land der schrecklichen Schatten…wer auch immer ihm diesen Namen gab, kann es nicht gut mit ihm gemeint haben!

Gestern also lag er wieder vor mir, bewusstlos, halb ertränkt, den Bauch zerfetzt von den Krallen eines großen Tiers. Zurück blieben tiefe Wunden, die sich stark entzündet hatten. Ich kann nur rätseln, warum er nicht vorher zu mir gekommen ist, warum er nicht früher seine Frau Iverin um Rat bat. Immerhin scheint diese doch ebenfalls des Heilens mächtig zu sein, wenn ich Elmions alten Geschichten von der Suche nach seinen verschwundenen Erinnerungen Glauben schenken darf. Aber Kashin schwieg, und dieses Schweigen kostete ihn beinahe das Leben. Selbst jetzt, da ich die Wunden neu öffnete und sich das Feuer seinen Weg durch entzündetes Fleisch bahnte, bin ich nicht sicher, ob er es überstehen wird. Er lag blicklos da, als ich ihn in der Obhut Zarrocs ließ, um mich etwas auszuruhen. Blicklos, die hellblauen Augen weit geöffnet. Ich kann nur hoffen, dass er den Weg ins Licht zurückfindet, der Kämpfer mit dem Schattennamen. Doch das ist ein Weg, den er wohl allein gehen muss.

Auch wenn die Umstände wenig glücklich waren, so gab mir das doch Gelegenheit, mit Zarroc und Cayjen zwei neue  Mitglieder des Haushalts und der Wache kennen zu lernen. Bei der großen Versammlung einige Stunden zuvor war ich mir seltsam fremd vorgekommen. So viele neue Gesichter, und so wenig Vertraute, die zugegen waren. Sanguisa fehlt immer noch, und das stärker denn je. Auch Rodgar war abwesend. Ghosa, der sich dem Haus offenbar angeschlossen hat, war zwar zugegen, und doch auch wieder nicht. Mynerya habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Auch Lysawyn fehlte, und es hieß sogar, sie habe das Haus für immer verlassen. Nicht einmal der ständig grimmig dreinblickende Ardeyn war da. Zunder noch einmal, selbst ihm hätte ich in diesem Moment wohl ein Lächeln geschenkt, so verloren kam ich mir inmitten der fremden Menge vor!

Aber vielleicht ist es trotzdem so, wie der Fürst bei unserem viel zu kurzen Gespräch nach viel zu langer Zeit sagte: Ihr habt hier euren Platz. Ich würde ihm das gerne glauben.

Vielleicht sollte ich es zur Abwechslung einfach einmal tun.

  1. Yvaine Linassay sagt:

    ja siehste, sag ich doch, dass die Hälfte fehlt 🙂
    sehr schön geschrieben 😀

  2. Alejandro Salas sagt:

    Genau! Tu das mal, wenn er schon Recht hat!

  3. Sanguisa sagt:

    Schatten (der Furcht): s daedeloth .
    Schatten (des Grauens): s daedeloth .

    *pfeif*

  4. Iyrawen sagt:

    Nun, es lag eben in der Freiheit der geneigten Übersetzerin, beides ein wenig zusammenzuziehen und auf das gar so düstere Land unter der Knute Morgoths zu verweisen. Warum? Weil ich es kann! 😛

  5. Kashin Daedeloth sagt:

    Mea Culpa, mea culpa xD
    Aber was heißt „immer und immer wieder“? Das war erst das zweite mal! xD

  6. Iyrawen sagt:

    Aber immer gleich so schwierige Sachen! Gefühlt ist Kash daher momentan Iyras Dauerpatient! 😀

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