6 Uhr am Abend
Giselher klappte das Buch zu und blickte zum Feuer. Er fand den Gedanken, das Buch einfach genau dahin zu befördern recht reizvoll. Seufzend goss er sich einen Becher Tee ein und schlug das Buch wieder auf. Es half letztlich nichts; der Hauptmann hatte befohlen, dass er sich mit Taktik und Strategie vertraut machte. Sicher, Giselher war lange genug Wache und kannte ziemlich viele Strategien. Es war aber offensichtlich, dass die Erkenntnis, in einem Straßenkampf erst den Gegner kampfunfähig zu machen und ihm erst dann über seine Straftaten aufzuklären, nichts war, was in einem Krieg vom Nutzen wäre.
Alrich musste schmunzeln, als er daran zurückdachte, wie er mit einem seiner Rekruten eine Wachrunde lief und der eben jenen Fehler machte. Rekrut Eichholz hatte alle Bücher und Verordnungen gelesen und da stand drin, dass man einen Verdächtigten seine Verhaftung erklären musste. Giselher sah noch heute das Gesicht des Mannes vor sich, als er erkennen musste, dass Johan Flinkfinger offenbar nicht diesselben Bücher gelesen hatte. Flinkfinger hatte schlicht Fersengeld gegeben, als Eichholz die ersten Sätze förmich herunter gebetet hatte.
Giselher schüttelte den Kopf und sah auf die Seite vor sich, er würde den verdammten Wälzer auswendig lernen, wenn der Hauptmann es befahl, aber er würde nicht denselben Fehler wie Rekrut Eichholz machen.
7 Uhr am Abend
Endlich legte Giselher das Buch beiseite, richtete den Waffengurt und nahm seine Handschuhe. Sein Blick fiel auf die Karte Gondors die, mit verschiedenen Zeichen bedeckt, an der Wand hing. Er suchte Minas Tirith, seine Augen suchten die Ebene davor ab. Verschiedene Orte Minas Anor, Minas Ithil… Giselher konnte sie fast blind auf der Karte finden. Er wusste, dass er Minas Faer nicht finden würde, nicht auf dieser Karte…
8 Uhr am Abend
Giselher begann seine zweite Runde, diesmal einen anderen Weg einschlagend. In Gedanken ging er den Wachplan durch. Der Hauptmann war beim Treffen ebenso Lynne… oder Gardistin Lynne, an diesem Abend. Kastell würde die Baroness bewachen, Rekrut Rogramlosch war ebenfalls dort. Dorn.. Dorn würde beim jungen Graf Atherton sein. Giselher war sich nicht sicher, ob er den Alten nicht eher an der Seite seines Herrn sehen würde. Alejandro Salas mochte den den alten Mann und beide verband offenbar eine gemeinsame Vergangenheit. Mitunter hatte Giselher das Gefühl, Fürst Alejandro Salas und der alte Kämmerer wären eher Freunde oder verwandt, denn Herr und Diener. Giselher beschlich das Gefühl, dass Alejandro heute Abend einen Freund brauchen würde. „Die Nebel werden gelichtet“ hatte in der Ankündigung gestanden. Als Giselher seinerzeit in den Dienst des Hauses trat hatte er zuerst den Namen Minas Faer übersetzt und dann auf eine Karte gesehen. Den Ort hatte er nie gefunden, jendenfalls nicht auf der Karte.
Der Leutnant ging auf eine Anhöhe, um auf das Haus zu sehen. Es wurde dunkel, also achtete er darauf, nicht in die erleuchteten Fenster zu sehen. Stattdessen sucht er die Umgebung ab, betrachtete die Dächer, ebenso die des Hauses. Dort drin war Minas Faer und in der Dämmerung konnte er auch die Mauern des Fürstentums ausmachen…
10 Uhr am Abend
Vardielle Decroux war tot, der Fürst verletzt. Diese Wahnsinnige hatte bis zuletzt geheuchelt, um dann auf den Fürsten loszugehen. Der Rest ging schnell, auf Befehl des Hauptmanns wurde Vardielle gestellt. Gnade war nicht mehr zu erwarten, sie hatte den Fürsten verletzt und vergiftet. Gebraucht wurde allein der Namen des Giftes.
Es war Rodgar, der es schließlich beendete. Giselher war durchaus beeindruckt. Wenn Wogenwolf einmal beschloss, das Leben eines Menschen zu nehmen, tat er es. Fast mechanisch, als sei der Tod nur ein Schritt, um etwas zu vollenden.
Was von der Diplomatin blieb, war ein von Krankheit zerfressener Körper. Vielleicht war der Rodgars Tat am Ende eine Gnade für sie. Sie starb sogar durch Rodgars Hand schneller, als es diese Krankheit zugelassen hätte – vielleicht sogar schmerzloser.
Das anschließende Antreten der Garde war schnell vorbei. Der Hauptmann betonte, was als Desertieren zu verstehen ist und benannte auch in aller Deutlichkeit die Konsequenzen, die dann zu erwarten sind. Giselher konnte den Ärger Cardaans gut nachvollziehen. Gardist Felederio hatte es versäumt, seinen Wechsel zur Kavallerie mitzuteilen.
Mitternacht
Giselher ließ den Wälzer bewusst liegen. Morgen wäre auch noch ein Tag und dann hätte er sicher genug Zeit, das nächste Kapitel zu verfluchen. Müde löschte er die Kerze auf dem Tisch des Hauptmanns. Als Leutnant begrüßte er die Entscheidung, Rogramlosch zum Gardisten zu machen. Er machte sich eine Notiz in seinem eigenen Buch; Gardist Kastell machte seine Arbeit offenbar gut, die Baroness hatte sich bisher nicht beschwert und Furbor nahm den Dienst gewissenhaft war…