Cwenwesc,
nun liegt diese Erklärung vor mir von Deinem Verhalten seit dem ersten Tag, den Du hier verweilst. Wahrscheinlich erhoffst Du Dir mich milde zu stimmen, doch sage ich direkt, dass es Dir nicht möglich war und nicht möglich sein wird. Ich, nein wir, haben sehr viel Geduld mit Dir gehabt. So viel Geduld wie wir es mit unseren eigenen Tochter haben würde, wenn nicht mehr. Doch Du hast Dein Verhalten auf eine Spitze getrieben, die so nicht mehr akzeptabel ist. Du wirst wie gehabt nach Gondor reisen. Mögest Du Deinem Vater oder gar dem Truchsess erklären wie furchtbar Du in diesem Hause behandelt wurdest und mögen Sie vielleicht so blind sein und den übertrieben Tränen eines verzogenen Mädchens Glauben schenken, jedoch halte ich es für unwahrscheinlich. Dennoch war mir der Umgang mit Dir eine Lehrstunde. Eine Lehrstunde diesbezüglich, dass ich Ailis nie erlauben werden, sich deratig zu verhalten.
Wahrscheinlich erwartest Du, dass ich anerkennende Worte fallen lasse für die ach so vielen Opfer, die Du seit Deinem Aufenthalt im Breeland gebracht hast, doch werde ich dieses nicht tun, denn nach Lob heischen ist etwas, dass eine Frau niemals tun sollte. Du warst eine angemessene Gesellschafterin, in allen anderem hast Du gefehlt. Und dies in einem Maße, dass Dir die Zuneigung von sehr vielen Personen über die Zeit verloren ging. Eondra mag trauern, er mag Dich lieben und er mag Dich vermissen, doch weiß ich, dass er erkennt, dass diese Beziehung zwischen Euch zum Scheitern verurteilt worden wäre. Ein Mann braucht eine Frau, die ihn unterstützt, die ihn sanft und fürsorglich behandelt, keine Frau, die ihn immer und immer wieder vor der Gesellschaft droht lächerlich zu machen. Ich nahm an, dass eine Freiin Gondors all diese Lektionen kennt, doch muss ich mir wohl eingestehen, dass ich auch diesbezüglich gefehlt habe. Eine Lektion hat es für mich also auch gehabt, dass ich Ehen, die über die Standesgrenzen hinweg gehen, keineswegs mehr befürworten werde. Du hast also mit Deinem Verhalten genau das Gegenteil erzeugt bezüglich der Liason von der Stallmagd, als es in Deiner Absicht lag.
Und doch sind all die Hindernisse, die Du so hervorhebst und betonst, die normalen Hindernisse, die eine Frau zu gehen hat im Leben. Wir müssen den Männern gehorchen, ob unserem Vater, unseren Brüdern, unserem Gatten, unserem Muntherr oder unserem Lehensherr. Mit Sanftmut und Fürsorge können wir auf einige einwirken, jedoch sind Starrsinn und Sturheit genau jene zwei Verhaltensweisen, die in jedem Mann genau das Gegenteil zu Verständnis und Liebe auslösen. Es ist bedauerlich, dass Du all jenes in den letzten Monaten nicht gelernt hast und selbst in dem Moment, in dem Du alles zu verlieren drohst, reagierst wie ein kleines unerzogenes Mädchen, dass nicht das Spielzeug bekommt, welches es sich wünscht.
Es ist Dir nicht gestattet, Dich von weiteren Personen zu verabschieden. Du magst Briefe hinterlegen oder es sein lassen, dass ist mir unwichtig. Du wirst beim morgigen Sonnenaufgang nach Gondor aufbrechen in Begleitung von Gardist Dankmar Meroun, Gardistin Britha Meroun und Gardist Tobian Dornlag. Mögest Du eine sichere Reise habe und irgendwann in Deinem Leben zur Vernunft kommen. Und mögest Du niemals eine Person kennenlernen, die Dich so enttäuscht wie Du mich enttäuschst hast.
Sybell Winthallan