Weißes Papier

Gyroir Meroun
24. Februar 2009 • Kommentare: 1

Die nackte, raue Hand fährt langsam über das Papier, verharrt nachdenklich, wandert weiter, umschließt das Tintenfass – ein wenig zu fest. So müsste es nicht sein. So sollte es nicht sein. Der Griff löst sich zitternd, zitternd und ängstlich, umfasst die Feder, wandert wieder zum Papier. Die ersten Buchstaben sind kaum mehr als Gekrakel, aber sie werden sicherer, fester, bis sie wieder das präzise Schriftbild eines nur registrierenden Erreichen. Wie Waren- oder Schuldeintragungen zieren die Buchstaben nüchtern, ruhig, klar das Papier. Völlig schmucklos, hart, rau und unmissverständlich. Eine Metapher auf ihren Autor.


Ich hatte selten so viel Angst vor Papier. Ich hatte selten so viel Angst vor der Tinte darauf. Ich sehe in der Tinte Blut. Viel Blut. Sehr viel Blut.

Es sind Fehler begangen, die gesühnt werden müssen und Damares ist nicht da, um dafür zu sorgen. Auch Drakon kann jetzt nicht derjenige sein, der es übernimmt. Ich muss es sein. Es bleibt nichts anderes zu sagen. Ich merke jetzt, wie jung ich eigentlich noch bin. Denn ich habe Angst vor dem, was jetzt kommt. Ich bin offensichtlich fast noch ein Kind. Ich habe es nur hinter Schild, Klinge und Gesicht gut verborgen. Nach außen verborgen. Niemals meinen Brüdern und Schwestern gegenüber. Ich habe meine Brüder und Schwestern nie belogen. Niemals. Niemals.

Zwei wichtige Brüder haben ihre Gedanken verheimlicht und verborgen. Bei Nimrothir überrascht es mich nicht. Dass er Gedanken besitzt, die mir nicht gefallen, wusste ich. Ich wusste, dass er mit den Klingen hadert und ich wusste, dass sein Geist immer weiter war als meiner. Da musste etwas verborgen sein. Wie es jetzt genau zu Tage tritt ist dabei gleich. Es ist wichtig, dass es zu Tage tritt. Das Licht darauf hält. Licht von Feuer. Viel Feuer.

Es gibt viele Schleier
Es gibt viele Schatten
viel Verborgenes
viel Nebel
viel Dunkel

Ich habe ein Schwert. Ich habe einen Schild. Ich weiß, dass ich mich für Drakon geopfert hätte ohne zu zögern. Er wollte es nicht. Ich habe es in diesem Moment gewährt, habe ihm in diesem Moment seinen Willen gelassen, obwohl ich gleichen Ranges war. Es war gut so. Das Schicksal hat für etwas gesorgt, dass ich nie hätte erreichen oder erkennen können.

Bruder.

Ich habe das Wort noch immer im Kopf. Es hämmert gegen meine Gedanken und arbeitet sie sehr regelmäßig um. Wie Stahl in einer Esse. Sie ist jetzt sehr heiß. Sehr heiß von Zorn.

Ich habe Angst davor. Angst vor mir selbst, immer noch Angst vor der Tinte. Ich weiß nicht, welche Worte folgen. Aber es wird eine Entscheidung geben.

Ich habe ein Schwert. Ich habe einen Schild.

Jeder Schleier muss zerschnitten werden. Es muss alles ans Licht gezerrt werden. Alles. Vertrauen, das gebrochen wurde, muss jetzt wieder aufgebaut werden. Wenn es nicht mit freiwilligen Händen geschieht, muss es mit Händen in Ketten sein. Ich werde Ketten schmieden. Ich werde Stoff durchtrennen. Ich werde Feuer entzünden. Viel Feuer. Es müssen viele schattige Ecken ausgeleuchtet werden. Es gibt viel Papier, das brennen kann. Hinter ledernen Buchrücken verborgen gedeien die Gedanken. Wir müssen uns hindurchbrennen. Wir müssen alles ausbrennen.

Damares kann mir nicht helfen.
Drakon kann mir nicht helfen.

Es ist jetzt die richtige Zeit, kein Kind mehr zu sein und die schützenden Arme zu verlassen.

Ich bin eine Klinge.

Mir ist der Zorn.
Mir ist der Zorn.
Uns ist der Zorn.

  1. Iyrawen sagt:

    Ich habe zwar nicht die leiseste Ahnung, worum es geht, aber es ist schön geschrieben.
    Und so viel Feuer…! 😉

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